Rezension: The Weight of Feathers von Anna-Marie McLemore

Rezension: The Weight of Feathers von Anna-Marie McLemore

Es gibt Geschichten, die einen von der ersten Seite an fesseln und nie wieder loslassen. Diese Geschichte gehörte für mich nicht dazu. Ich brauchte ein paar Kapitel, um in die Geschichte hineinzufinden, war aber von der Prämisse so überzeugt, dass ich zumindest ein wenig von der Faszination abgreifen wollte, die mich beim Lesen des Klappentexts ergriffen hat. Der Romeo & Julia-Vibe gemischt mit der Prämisse, eine magische Komponente einzubringen, versprach, dass es eine bezaubernde Geschichte sein würde – und ich bin froh, dass ich durchgehalten habe. 

Das Buch

The Weight of Feathers von Anna-Marie McLemore
Ein absolut fantastisches Buch: The Weight of Feathers von Anna-Marie McLemore.

Titel: The Weight of Feathers

Autorin: Anna-Marie McLemore

Reihe: Einzelband

Verlag: Wednesday Books

Erscheinungsort: New York

Erscheiungsjahr: 2015

Umschlaggestaltung: Lisa Marie Pompollio

Originalsprache: Englisch

Übersetzung: / 

Genre: Young Adult Romance (Magical Realism) 

ISBN: 978 – 1 – 250 – 11599 – 7 (trade paperback)

Klappentext:

For twenty years, the Palomas and the Corbeaus have been rivals and enemies, locked in an secalating feud for over a generation. Both families make their living as traveling performers in competing shows – the Palomas swimming in mermaid exhibitions, the Corbeaus, former tightrope walkers, performing in the tallest trees they can find.

Lace Paloma may be new to her family’s show, but she knows as well as anyone to keep her distance from the Corbeaus. She’s heard the rumors that their fearlessness of heights is from the devil himself, and that simply touching a Corbeau could mean death. But when disaster strikes the small town where both families are performing, it’s a Corbeau boy, Cluck, who saves Lace’s life.  And his touch immerses her in the Corbeaus’ world, where falling for him could turn his own family against him, and one misstep can be just as dangerous on the ground as it is in the trees.

A finalist for the William C. Morris YA Debut Award, Anna-Marie McLemore’s The Weight of Feathers is an utterly captivating young aduld novel with a hint of magic. 

Triggerwarnung

Leider kommt kein Buch ohne Inhalte aus, die potentiell Menschen triggern könnten. Solltest du wissen, dass es Inhalte gibt, die dich triggern, siehe dir bitte die unter “mögliche Trigger” aufgeführten Punkte im zweiten Tab an und entscheide danach, ob du diese Rezension bzw. das Buch lesen möchtest. Ich versuche triggernde Inhalte in der Rezension zu meiden, aber nicht immer ist es möglich, betreffende Inhalte zu meiden. 

Das Buch enthält folgende möglicherweise triggerende Inhalte: 

Tod, explizite und implizite Gewalt, Vergewaltigung (Nennung, nicht explizit), Verbrennungen, Ertrinken, Trennung von Eltern und Kindern, Diskriminierung, Ausgrenzung.

Solltest du von einem dieser Inhalte getriggert werden, rate ich dir, das Buch nicht zu lesen.

Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Solltest du weitere Inhalte kennen, die potentielle Trigger darstellen, wäre ich dir sehr verbunden, wenn du sie mir mitteilst, damit ich sie in der Liste ergänzen kann. 

Rezension:

Die Handlung nimmt, meiner Meinung nach, langsam Fahrt auf. Lace stößt das erste Mal auf Cluck, als dieser von ihren Cousins eine Abreibung bekommt. Nicht wissend, dass es sich bei dem jungen Mann um einen Corbeau handelt, sympathisiert Lace mit ihm. Wenig später gerät Lace nach der Performance der Meerjungfrauenshow in ein Netz, kann sich gerade so befreien – und wird bei der Explosion einer nahe gelegenen Chemiefabrik schwer verletzt. Cluck rettet sie – und als ihre Familie davon erfährt, verstößt sie Lace. Sie findet Zuflucht ausgerechnet bei Cluck und seiner Familie. Doch haben eine Paloma und ein Corbeau wirklich eine Chance, gemeinsam glücklich zu werden?

Der für meinen Geschmack recht langsame Einstieg in die Handlung gehört zum Stil des Buches. Ich bin eine Leserin, die den Drang erwartet, durch die Seiten zu fliegen, und es dauerte vergleichsweise lange, bis ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Das mag an meinem Leseverhalten liegen – ich erwarte page turner, Cliffhanger, Konflikte, Drama, stakes. Kurzum: Ich möchte in die Geschichte gezogen und erst am Ende wieder ausgespuckt werden. Das kann nicht jedem Buch gelingen und das ist okay. Da ich mir meines Suchtverhaltens bewusst bin, lese ich Bücher, deren Prämisse mich einnimmt, zumeist zumindest bis zur Hälfte, um nicht eine einzigartige Geschichte zu verpassen. In diesem Fall hat es sich definitiv gelohnt. 

Denn diese Geschichte zeichnet sich nicht durch eine flotte Handlung aus, sondern durch die Figuren und den gezeichneten Hintergrund – und glaub mir, es lohnt sich, Cluck und Lace näher kennenzulernen. Denn diese zwei sind einzigartig und liebenswürdig und ihre Geschichte ist großartig und herzerwärmend. 

The feathers were Lace’s first warning. They showed up between suitcases, the trunk of her father’s station wagon, on the handles of came-with-the-car first-aid kits so old the gauze had yellowed. They snagged on antennas, turning the local stations to static.

Lace’s mother found a feather in with the family’s costumes the day they crossed into Alemdro, a town named for almond fields that once filled the air with the scent of sugary blossoms and bitter wood. But over the last few decades an adhesive plant had bought out the farms that could not survive the droughts, and the acres of almonds dwindled to a couple of orchards on the edge of town.

The wisp of that black feather caught on a cluster of sequins. Lace knew from the set to her mother’s eyes that she’d throw the whole mermaid tail in a bucket and burn it, elastane and all. 

Anna-Marie McLemore: The Weight of Feathers, New York, Wednesday Books, 2015, S. 1.

Cluck und Lace sind vielschichtige, auf den ersten Blick spannende Figuren. Ihr familiärer Hintergrund ist als Basis der Romeo & Julia – Prämisse natürlich besonders aufgearbeitet, allerdings ist der Spin, mit reisenden Performance-Künstlern untere Schichten darzustellen, ungewöhnlich. Die beiden Familien unterscheiden sich nicht nur durch ihre Performances – die Corbeaus sind Seilkünstler, die in den Bäumen ihre Drahtseile spannen, während die Palomas ihre Meerjungfrau-Show an einem Seeufer vorführen – , sondern auch durch ihre kulturellen Hintergründe.

Die Corbeaus sprechen Französisch und stammen von französischen Sinti ab, den Manouches, während die Palomas Spanisch sprechen und scheinbar mexikanische Wurzeln haben (es wird nicht spezifiziert, allerdings zeichnen sich die Romane von Anna-Marie McLemore durch mexikanisch-amerikanische Casts aus). Die Geschichte ist in den USA angesiedelt, wodurch beide Figuren Minderheiten angehören. Diskriminierung und Ausgrenzung sind wesentliche thematische Schwerpunkte des Buches, die einerseits die Familien von den Menschen der Stadt abheben. Andererseits erlebt besonders Cluck auch alltägliche Diskriminierung und Ausgrenzung durch Familienmitglieder.

Nicht nur, dass Clucks Federn eine andere Farbe als die Federn seiner Familienmitglieder haben, einige seiner Finger sind zerstört, weshalb er selbst nicht an den Shows teilnehmen kann und auf Tätigkeiten hinter der Bühne beschränkt wird. Lace wird so stark verletzt, dass sie am ganzen Körper Narben trägt und von dem Erlebnis traumatisiert wurde. Somit werden sowohl physische als auch psychische Beeinträchtigungen (disabilities) thematisiert. Cluck und Lace heben sich somit von ihrem able bodied – Umfeld ab, was sie in der Geschichte zu Außenseitern macht. 

Anna-Marie McLemore ist mexikanisch-amerikanischer Abstammung und queer, weshalb die Darstellungen in dem Buch auf Erfahrungen einer Person of Color (POC) beruhen und viele Aspekte des Buches als #ownvoice betrachtet werden können.

Die Geschichte ist dem Genre “Magischer Realismus” zugeordnet – und nimmt für mich durch ihre Subtilität eine besondere Stellung ein. Die fantastischen Elemente der Geschichte werden nicht spezifisch thematisiert, sie sind ganz natürlich Teil der Erzählung. Clucks Federn sind für Lace zwar besonders, aber aufgrund ihrer eigenen Escamas (Schuppen)  dann doch alltäglich. Es gibt keine Erklärung dafür, warum manchen Figuren Federn wachsen oder warum sie Schuppen haben, aber gerade das ist eine Stärke des Buches – Anna-Marie McLemore verliert sich nicht in Details, im Hintergrund. Als Leser:in kann man Vermutungen anstellen, aber Anna-Marie McLemore lässt sich nicht auf eine Diskussion ein und verstärkt somit die Konventionen des Genres. Vielleicht gibt es Menschen mit Schuppen oder Federn, warum auch nicht?

She should have known all along not to trust the sky. It was where the crows lived. 

Anna-Marie McLemore: The Weight of Feathers, New York, Wednesday Books, 2015, S. 99. 

Für mich war dieses gleichwertige Nebeneinanderstehen der Themen ein besonderes Erlebnis. Die Hintergründe der Welt und der Figuren werden gerade soweit erläutert, wie es für die Geschichte notwendig ist, und hinterlassen ein angenehmes Gefühl im Bauch, das mich dazu bringt, die Zartheit dieser aufblühenden Beziehung nochmals zu erleben. Angesichts der zurückhaltenden fantastischen Elemente hat mich das Ende dann etwas enttäuscht. Es ist passend, bittersüß, hatte aber nicht die Tiefe, die ich mir bei einem Romeo & Julia – Theme gewünscht hätte. Aufgrund der Thematik und der Figuren kann ich Leser:innen das Buch ans Herz legen – gleichzeitig rate ich dazu, dem Buch ein paar Kapitel zu geben, bis man in die Geschichte eintaucht und Lace und Cluck näher kennenlernt.

Wer Cluck und Lace näher kennenlernen möchte, sollte das Buch lesen. Unbedingt.

The Weight of Feathers by Anna-Marie McLemore
Vor einem Jahr habe ich bereits "Weight of Feathers" von Anna-Marie McLemore auf Instagram vorgestellt. Dieses Foto ist dabei entstanden, das zwar nicht in meinem üblichen Stil gehalten ist, aber das ich trotzdem liebe.

Weitere Rezensionen von Blogger_innen: 

Reading Books Like A Boss

Boomerang Books, Artikel von Cait Drews

Once Upon a Bookcase

All diese Rezensionen sind in englischer Sprache verfasst. 

Das war es zunächst von mir. War ja auch vorerst genug, oder? Falls nicht, frag mich!

“The Weight of Feathers” ist bisher nur auf Englisch erschienen. Habt ihr es vielleicht trotzdem gelesen?

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