Der Anfang einer Idee, das Ende einer Rohfassung und die Erkenntnisse einer Autorin

Der Anfang einer Idee, das Ende einer Rohfassung und die Erkenntnisse einer Autorin

Nur selten hatte ich so anregende Gespräche wie an jenem heißen Sonntag, in dem ich Sina Bennhardt von Sinas-Geschichten.de vom Litcamp in Heidelberg mit zurück ins Rheinland nahm. Wenn zwei Autorinnen in einem heißen Auto für drei Stunden eingeschlossen sind, haben sie viel zu bereden – und natürlich quatschten wir irgendwann auch über unsere eigenen Geschichten. Aus diesem Gespräch entstand die Idee für einen Blogbeitrag – und die Frage, wie sehr sich Geschichten mit der Zeit verändern. 

Die Idee für meine Geschichte entstand im Herbst 2016. Es war eine sehr turbulente, aufwühlende Zeit, in der ich mich viel mit mir selbst und meinem Umfeld auseinandersetzte, mir grundlegende Fragen zu Liebe, Freundschaft, Familie, Schwangerschaften stellte. Die Idee kam überraschend und war eigentlich alles andere als das, was ich gerade schreiben wollte.

Aber diese vier Menschen in meiner Geschichte gingen mir nicht aus dem Kopf und ich tat, was ich immer tue, wenn sich eine Idee manifestiert: Ich schreibe sie auf. Ich schrieb fünf Seiten. Den gesamten Plot, die Anlage der Figuren. Ich hatte keine Namen, ich hatte keine Hintergründe der Figuren, ich wusste nur eins: Es ging um eine ungeplante Schwangerschaft, um absolut gegensätzliche Positionen, um eine Phase im Leben meiner Figuren, die ihr ganzen Wesen prägen sollte, und der Fokus lag auf der männlichen Perspektive.

Francis trifft ganz viele Autorinnen in Heidelberg
Auch 2019 hatte ich die Chance, viele tolle Autorinnen auf dem Litcamp in Heidelberg zu treffen! Das Foto ist ein Ausschnitt meines Instagram-Feeds. 1) Jasmin Zipperling und ich 2) Alisha, Laura und ich 3) Ich und Janina 4) Katania de Groot und ich 5) Sabrina, KC und ich 6) Gabi H. Beck und ich
Marc & Dodo Übersicht des Arbeitstandes
Hier geht's zu meiner Seite zu diesem Manuskript.
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Wörter am 8. Mai 2018

Ursprünglich war die Geschichte als ein Buch geplant … aber das Manuskript wurde immer länger, die Figuren verrieten mir immer mehr von sich und schließlich entschied ich mich, die Geschichte in drei Bücher zu teilen.

Es waren ein paar intensive Tage, aber als ich die Ideen aufgeschrieben hatte, fühlte ich mich besser. Ich hatte meine Protagonistin Dodo, die auf jeden Fall Kinder wollte, und ihren Love Interest Marc, der auf gar keinen Fall Kinder haben wollte. Der perfekte Ausgangspunkt für einen
Konflikt. Ich hatte ihre besten Freunde Drew und Violet, die vermittelnd zwischen meinen Streithähnen eingreifen sollten. Ich hatte Bilder im Kopf, dramatisch, anstrengend, verzweifelt. Die Geschichte fühlte sich rund an, irgendwie, und die Figuren gefielen mir selbst als charakterlose Wesen, die lediglich einem Plot folgen sollten. Zu dem Zeitpunkt wollte ich aber Fantasy schreiben, daher legte ich die Seiten zu meinen anderen ungeschriebenen Geschichten und nahm mir – wie so häufig – vor, diese Geschichte irgendwann zu schreiben. Das hätte ihr Ende sein können.

Fast ein halbes Jahr später kamen die Themen wieder hoch, drängender und unnachgiebig. Ich hatte dazugelernt, mich von den extremen Gefühlen verabschiedet, und ich fragte mich, wie meine Figuren, die so unterschiedlich sein sollten, jetzt mit der Schwangerschaft umgehen würden. Ich
nahm meine Notizen zur Hand, öffnete ein Dokument und begann die Geschichte – nicht mit Marc, nicht mit Dodo, nicht mit Drew und auch nicht mit Violet, sondern mit Belinda, Marcs Ex.

Sie war die größte Überraschung, direkt im ersten Kapitel. In meiner Ursprungsversion war sie ein unsicheres, junges Mädchen, das sich ein Baby wünschte und Marc an sich binden wollte, indem sie schwanger wurde – und seine Kondome durchstach. Aber dieses erste Kapitel war anders.

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Wörter in "Marc & Dodo"

So viele Wörter hat die derzeitige Fassung von Band 1 “Marc & Dodo”, Stand 8. November 2019. Es sind echt viele. Tut mir leid, liebe Testleser_innen. Ich mag euch. Aber ich kann nicht mehr kürzen. Da fehlt eher noch etwas … Ups?

Es zeigte mir, was für eine starke Figur Belinda eigentlich war. Es zeigte mir, dass sie komplex war, stolz, wütend. Es irritierte mich, weil es nichts mit dem zu tun hatte, was daraus werden sollte. Aber ich ließ es zu. Ich schrieb das Kapitel, gab mich mit diesem ersten Blick auf Drew und Marc zufrieden. Sie waren immer noch die Figuren, die sie werden sollten. Dann fuhr ich einige Wochen später mit dem Seminar für Alte Geschichte der Universität Bonn nach Rumänien – und begann aus einer Laune heraus, weiter an der Geschichte zu schreiben. Am Ende der Fahrt hatte ich ein paar Kapitel und Marc war nicht mehr der Mensch, für den ich ihn hielt. Dodo war nicht die Figur, die ich mir vorgestellt hatte, und Violet war alles andere als vermittelnd. Drew war der einzige geblieben, der seinem Plot folgte, weil er am wenigsten Persönlichkeit hatte – er hielt sich im Hintergrund, war bedeckt, ließ sich nicht in die Karten schauen. Der Plot entwickelte sich. Ich schrieb Szenen um Szenen vor, wurde immer verzweifelter. Normalerweise, wenn ich Szenen vorschrieb, holte ich sie nie wieder ein. Und eigentlich musste ich an meiner Masterarbeit schreiben.

Aber diese Geschichte war meine Zuflucht, Marc die große Liebe meines Autorinnenlebens. Ich schaffte es kaum, mich auf meine Masterarbeit zu konzentrieren. Marc verriet mir seine Geschichte, diskutierte mit mir seinen Standpunkt, ließ mich mit seiner Verzweiflung zurück – und Dodo, diese junge Frau, die sich so sicher sein sollte, was sie wollte, liebte ihn noch mehr als ich. Sie veränderte sich, und mit ihr veränderte sich der Plot. Mit ihr veränderten sich Violet und Drew. Und das, was ich in 13 Monaten in die Tasten haute, war nicht mehr die Geschichte, die ich geplant hatte. Die Figuren hatten nicht mehr die Motive, die ich ihnen zugewiesen hatte. 

Marc und Dodo verliebten sich, Drew und Violet flirteten, und Belinda, diese Badass Frau, verschwand so tief im Hintergrund, dass ihre Geschichte jetzt, anderthalb Jahre nach dem letzten Wort in der Rohfassung, kein Teil mehr des Manuskripts ist. Meine Figuren leuchten so schillernd, haben so viel Persönlichkeit, dass sie für mich manchmal realer sind als die Menschen, die ich treffe. Marc ist immer noch meine große Liebe. Violet wurde von meiner Nemesis zu einer absolut fantastischsten Figur, wenn ich sie schreibe. Und ich habe auf 915 Seiten Rohfassung gelernt, was mich als Autorin ausmacht. 

Ich bin keine Plotterin. Ich brauche Freiraum, um meinen Figuren die Möglichkeit zu geben, ihren Charakter zu entwickeln. Aber ich bin auch keine Pantserin. Ich brauche eine Grundstruktur, ein Ziel, auf das ich zuschreibe. Das Ziel hat sich nicht verändert. Viele der Szenen haben sich nicht geändert. Manche wurden gestrichen. Andere kamen hinzu. Aber die Art und Weise wie ich damals an diese spontane, ungewollte Idee herangegangen bin, hat mich verändert. 

Ich habe gelernt, dass Romance mir einen Freiraum als Autorin gibt, den ich nicht für möglich gehalten habe. Ich habe gelernt, dass ich eine Geschichte, so lang sie auch werden kann, beenden kann. Ich habe gelernt, dass ich meinen Fähigkeiten vertrauen kann, wenn ich schreibe. Und ich habe gelernt, dass manchmal aus einer flüchtigen Idee ein Manuskript wachsen kann, das mehr ist, als man sich jemals zu Träumen gewagt hat. Seit dem Ende dieses Manuskripts bin ich nicht nur eine Frau, die eine Idee hat – ich bin mit meinen Figuren gewachsen. Ich bin eine Autorin.

So läuft’s momentan bei der Überarbeitung: 

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ich hatte die Freude, den ersten Teil testlesen zu dürfen, und bin super neugierig, wie das Ergebnis aussehen wird. Es ist wirklich spannend, hier zu lesen, wie sich der Text entwickelt hat, und wie auch du dein Wachstum als Autorin erlebt hast. Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick in deine Arbeit!

    1. Liebe Karla,

      danke für deinen Kommentar! Wie du hier nachlesen konntest, hat mich diese Geschichte länger begleitet und ich bin so froh über das Feedback, dass du und andere Testleser_innen mir gegeben habe. Derzeit Arbeite ich noch daran, alles zu berücksichtigen. Das ist schwerer, als ich dachte, ohne den Fokus zu sehr auf bestimmte, individuelle Anmerkungen zu richten. Ich freue mich, dass du immer noch gespannt auf den Text bist!

      Liebe Grüße,
      Francis Behrend

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